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 KLUGHEIT  

RRUDENTIA

Schlange, Spiegel, Sieb, Fackel, Kopf mit mehreren Gesichtern
 

 

 

SICH ETWAS SAGEN LASSEN


"An keiner Stelle des geistig-sittlichen Geschehens, ist die Gefahr so groß, "die Wahrheit der wirklichen Dinge verfälscht werde durch das Ja oder Nein des Willens. Und die Gefährlichkeit dieser Gefahr liegt in ihrer Unmerklichkeit. Auf keine andere Weise setzt sich ein unsachliches und ungerechtes »Interesse« so unkontrollierbar durch wie gerade in der Verfälschung des Gedächtnisses - durch leiseste Retuschen, Verschiebungen, Verfärbungen, Auslassungen, Akzentverrückungen. Solche Verfälschung pflegt sich    auch einer ernsten Gewissenserforschung keineswegs unmittelbar zu enthüllen. Nur eine die geheimsten Wurzelgründe des Wollens reinigende Rechtheit des ganzen menschlichen Wesens vermag eine Bürgschaft zu sein für die Sachlichkeit des Gedächtnisses. - Hier wird sichtbar, daß und wie sehr die Klugheit, von der alle Tugend abhängt, schon in ihren Fundamenten ihrerseits abhängig ist von eben der Gesamtheit der übrigen Tugenden, vor allem von der Gerechtigkeit."(wechselseitigen Abhängigkeit)."

   
"Der klassisch-christliche Begriff »Tugend der Klugheit« entfernt sich "von der landläufigen Vorstellung eines irgendwelchen, jedenfalls ohne viele Umstände anzueignenden Bescheidwissens."
»In dem, was zur Klugheit gehört, ist niemand sich selbst in allem genug«: ohne docilitas gibt es keine vollendete Klugheit. Docilitas aber ist natürlich nicht die »Gelehrigkeit«  und der besinnungslose Eifer des »guten Schülers«. (Kant) Gemeint ist die Belehrbarkeit, die darauf verzichtet, sich angesichts der realen Vielfalt der erfahrbaren Dinge und Situationen engstirnig in die absurde Autarkie eines vermeintlichen Wissens zu flüchten. Gemeint ist das Sich-etwas-sagen-lassen-Können, erwachsen nicht aus einer vagen »Bescheidenheit«, sondern einfach aus dem Willen zu wirklicher Erkenntnis [der allerdings echte Demut notwendig einschließt]. Unbelehrbarkeit und Besserwisserei sind im Grunde Formen des Widerstandes gegen die Wahrheit der wirklichen Dinge; beide beruhen auf dem Unvermögen, das Subjekt mit seinem »Interesse« zu jenem Schweigen zu zwingen, das eine unabdingbare Voraussetzung aller Wirklichkeitsvernehmung ist."

Josef Pieper - Das Viergespann - S.31

 

 DER RICHTIGE WEG ZUM WIRKLICHEN

 

„Es gibt falsche und ungerade Wege auch zu richtigen Zielen. Der Sinn der Tugend der Klugheit aber ist vornehmlich dieser: daß nicht nur das Ziel des menschlichen Wirkens, sondern auch der Weg seiner Verwirklichung der Wahrheit der wirklichen Dinge entspreche. Das aber schließt wiederum die Voraussetzung in sich, daß die ichhaften »Interessen« des Subjekts zum Schweigen gebracht sind, damit jene Wahrheit der wirklichen Dinge vernehmlich zu Wort kommen und in der Auskunft der Wirklichkeit selbst der gemäße Weg der Verwirklichung deutlich werden könne. Hingegen liegt der Sinn oder vielmehr der Un-Sinn der Verschlagenheit darin, daß die geschwätzige und also taube Unsachlichkeit des »Taktikers« [nur wer schweigt, hört] den Weg der Verwirklichung abscheidet gegen die Wahrheit der wirklichen Dinge. »Auch zu einem guten Ziel heißt es auf wahren, nicht auf falschen und gefälschten Wegen gehen«, sagt Thomas [von Aquin] . . . Hinterhalt, Versteck, List und Unlauterkeit sind die Zuflüchte kleingeistigen und kleinmütigen Wesens. Von der Hochgemutheit aber ist in der Summa theologica des »allgemeinen Lehrers« wie schon in der Nikomachischen Ethik des Aristoteles gesagt: sie liebe in jeglichem das Offenbare.“

 

„Die Verschlagenheit [astutia] ist die eigentlichste Form der falschen Klugheit. Gemeint ist die hinterhältige und unsachliche, ausschließlich auf das »Taktische« bedachte Sinnesart des Intriganten, der weder geradeaus zu blicken noch geradeaus zu handeln vermag.“

 

Josef Pieper - Das Viergespann - S.36


 

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