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2018/19

WAHNSINNSZEITEN

Mobilitätswahn
Kontrollwahn
Kommunikationswahn
Wachstumswahn
Aufmerksamkeitswahn

 

 

 

 

"Die Zukunft unserer Gesellschaft hängt davon ab, ob die Balance zwischen Zuviel und Zuwenig, zwischen Mein und Dein, zwischen Unser und Euer gelingen wird."

Eberhard Jüngel

 

 

 

 

 

 

 

 

GEGENWÄRTIGES

 

1949

"Das Menschendasein wird in jedem Unheil doch irgendwie weitergehen. Daß es aber Gestalten annehmen könnte, die uns wie Vernichtung anmuten, und daß unser Zeitalter an einem Einschnitt steht, wie er tiefer noch niemals in aller uns überlieferten Geschichte war, das wird heute nicht nur ungefähr und im allgemeinen, sondern immer bestimmter bewußt."

Karl Jaspers - Vom Ursprung und Ziel der Geschichte - 1949

                                                                                                                       

Es zeigt sich der "Drang zur Welteinheit, im Glauben; Tendenzen, die aus dem Willen zur Freiheit entspringen, aber zweideutig diese zu ermöglichen oder zu vernichten scheinen. Damit werden die Gefahren in der heutigen Katastrophe sichtbar und die Chancen der künftigen Geschichte."

                                                                                                      

 

 

 

 

 

 

Diagnose 1949 -  so auch 2019 ?

 

DIE GEGENWÄRTIGE SITUATION DER WELT

"Unsere geschichtlich neue, erstmals entscheidende Situation ist die reale Einheit der Menschheit auf der Erde. Der Planet ist für den Menschen zu einem verkehrstechnisch beherrschten Ganzen geworden, ist „kleiner", als einst das römische Imperium war.

Zu diesem Augenblick führte die Entwicklung seit dem Zeitalter der Entdeckungen vor vierhundert Jahren. Aber noch bis zum Ende des 19. Jahrhunderts blieb für uns die Geschichte wesentlich Europäische Geschichte.

Die übrige Welt war für das damalige    europäische    Bewußtsein Kolonialland, von zweitrangiger Bedeutung, bestimmt zur Beute für Europa. Nur unabsichtlich wurden schon damals die Grundlagen zur heute sich entfaltenden Weltgeschichte gelegt durch die Mächte, die die großen Erdräume für sich zu gewinnen suchten. . . . Die Weltgeschichte als eine einzige Geschichte des Ganzen hat begonnen. Von hier aus erscheint die Zwischenzeit der bisherigen Geschichte als ein zerstreutes Gebiet von voneinander unabhängigen Versuchen, als vielfacher Ursprung von Möglichkeiten des Menschen. Jetzt ist das Ganze zur Frage und Aufgabe geworden. Damit tritt eine völlige Verwandlung der Geschichte ein.

Entscheidend ist: Es gibt kein Draußen mehr. Die Welt schließt sich. Die Erdeinheit ist da. Neue Gefahren und Chancen zeigen sich. Alle wesentlichen Probleme sind Weltprobleme geworden, die Situation eine Situation der Menschheit.

Alle frühere Geschichte spielte sich vergleichsweise zu heute in relativ stabilen Zuständen ab.. . .Die Menschen blieben, auch wenn sie verhungern mußten, für ihr Bewußtsein vergleichsweise geborgen in unveränderlichen Ordnungen. Man ertrug und fügte sich und lebte in dem alles durchstrahlenden religiösen Glauben.
Heute ist das ganz anders. Die sozialen Zustände sind in einer unaufhaltsamen Bewegung. Diese ist bewußt geworden. Die gesamte Bevölkerung auf der ganzen Erde wird aus ihren uralten überlieferten Ordnungen und Bewußtseinsforinen herausgerissen. Das Bewußtsein der Geborgenheit wird immer geringer. Die Menschenmassen werden einheitlicher. Alle lernen lesen und schreiben. Ohne das könnten sie nicht zum Wissen kommen, nicht Sprache gewinnen für ihren Willen und sich nicht zur Geltung bringen.

Die Massen werden ein entscheidender Faktor. Der Einzelne zwar ist ohnmächtiger als je, aber der Einzelne als Glied der Masse, das „wir", scheint einen Willen zu gewinnen. Dieser Wille aber kann nicht ursprünglich in einer anonymen Masse erwachsen. Er wird durch Propaganda erweckt und gelenkt."

 

"Die Massen brauchen Vorstellungen und Schlagworte.

Ihnen muß gesagt werden, was sie wollen. Aber für das ihnen Gesagt muß der Boden in ihnen bereit sein. Der Staatsmann, der Denker, der Künstler, der Dichter muß sich an Kräfte in den Massen wenden, wenn er wirken will. Welche diese sind, ist keineswegs vorherzusagen. Es charakterisiert die führenden Menschen, an welche Triebe, Wertschätzungen, Leidenschaften sie sich wenden. Auf diese Führenden wirkt zurück, was sie in den Massen erregen. Von daher wird ihnen bestimmt, wie sie selbst sein müssen und reagierend werden müssen. Sie sind Exponenten eines Massenwillens, wenn sie nicht Diktatoren über dirigierte Sklavenmassen werden;


'Masse' aber ist ein vieldeutiger Begriff. Masse heißt entweder einfach die Menge der Bevölkerung (und ist als solche jederzeit da), oder die augenblickliche Äußerung und das Verhalten von Menschen unter Suggestionen in akuten Situationen (und ist als solche ebenso plötzlich da wie wieder verschwunden), oder die. Minderwertigkeit der Vielen, des Durchschnitts, deren Dasein durch seinen Massendruck alles bestimmt (und ist als solcher die Erscheinung einer geschichtlichen Lage unter bestimmten Bedingungen, keineswegs endgültig minderwertig).


Masse ist zu unterscheiden vom Volk: Das Volk ist in Ordnungen gegliedert, ist seiner bewußt in Lebensart und Denkungsweise und Überlieferung. Volk ist etwas Substantielles und Qualitatives, es hat Atmosphäre in der Gemeinschaft, der Einzelne aus dem Volk hat einen persönlichen Charakter auch durch die Kraft des Volkes, von der er getragen ist.


Die Masse dagegen ist ungegliedert, ihrer selbst unbewußt, einförmig und quantitativ, ohne Art und ohne Überlieferung, bodenlos und leer. Sie ist Gegenstand der Propaganda und Suggestion, ohne Verantwortung, lebt auf tiefstem Bewußtseinsniveau.


Massen entstehen, wo Menschen ohne eigentliche Welt, ohne Herkunft und Boden verfügbar und auswechselbar werden. Das ist als Folge der Technik heute in wachsendem Ausmaß geschehen: der eng gewordene Horizont, das Leben auf kurze Sicht und ohne wirksame Erinnerung, der Zwang der sinnfremden Arbeit, das Amüsement in. der Zerstreuung der Freizeit, die Nervenerregung als Leben, der Betrug im Schein von Liebe, Treue, Vertrauen, der Verrat zumal in der Jugend und durch ihn das Zynischwerden: wer so etwas getan hat, kann sich selbst nicht mehr achten. Über eine Verzweiflung im Gewande von Frische und Trotz geht der Weg in die Vergessenheit und Gleichgültigkeit, in den Zustand des menschlichen Zusammenseins als eines Sandhaufens, der verwendbar, einsetzbar, deportierbar ist und behandelt wird nach Zahl und nach zählbaren, durch Tests feststellbaren Merkmalen.


Der Einzelne nun ist Volk und Masse zugleich. Er fühlt sich aber ganz anders, wo er Volk, und wo er Masse ist. Die Situation zwingt in das Massesein, der Mensch hält fest am Volksein. In Gleichnissen veranschaulicht: als Masse dränge ich in das Universelle, in die Mode, in das Kino, in das bloße Heute, als Volk will ich Leibhaftigkeit, Unvertretbarkeit, das lebendige Theater, das geschichtlich Gegenwärtige, - als Masse applaudiere ich im Rausch dem Star am Dirigentenpult, als Volk erfahre ich im Intimen die das Leben übersteigende Musik, - als Masse denke ich in Zahlen, akkumuliere, nivelliere, als Volk denke ich in Werthierarchien und Gliederungen.


Masse ist zu unterscheiden vom Publikum: Publikum ist der erste Schritt auf dem Wege. der Verwandlung von Volk in Masse. Es ist das Echo auf Dichtung, Kunst, Literatur. Wenn das Volk nicht mehr umgreifend aus seiner Gemeinschaft lebt, erwächst eine Vielheit je eines Publikums, unfaßlich wie die Masse, aber eine Öffentlichkeit für geistige Dinge in freier Konkurrenz. Für wen schreibt der Schriftsteller, solange er frei ist? Heute nicht mehr für das Volk und noch nicht bloß für die Masse, Er wirbt und gewinnt sein Publikum, wenn es ihm glückt. Das Volk besitzt dauernde Bücher, die sein Leben begleiten, das Publikum wechselt, ist ohne Charakter. Aber wo es Publikum gibt, ist noch öffentliche Lebendigkeit.


Die Verwandlung von Volk in Publikum und Masse ist heute unaufhaltsam. Die Situation erzwingt den Gang der Dinge durch die Massen. Aber Masse ist nichts Endgültiges. Sie ist die Weise des Daseins in der Auflösung des Menschseins. Jeder Einzelne in ihr bleibt ein Mensch. "

Die Frage ist, wie weit vom Einzelnen . . . her die neuen Ansätze erfolgen, die schließlich zur Wiedergewinnung des Menschseins aus dem Massesein herausführen können. . . .

Heute nun ist diese Gemeinschaft unumgänglich die Welt, welche von den Massen bestimmt ist. Es wird nur bleiben, was von den Massen aufgenommen wird. Der Weg der Geschichte führt heute unumgänglich über die Massen oder scheint es zu tun. Die Volksbildung kann die Menge auf den Weg zum geistigen Adel bringen, - eine jederzeit faktisch vollzogene Auslese kann eine neue tatsächliche Aristokratie ohne erbliche Rechte und Privilegien erzeugen, - die Aufhebung von sozialer Unterdrückung und von politischem Terror kann eine Denkungsart von Empörung und Negativität zum Verschwinden bringen, von der zunächst die Massen ergriffen wurden.

Die Schule, die im freien Wettbewerb sich vollziehende Auslese, die ständige Verbesserung der immer ungerecht bleibenden menschlichen Zustände zum sozial Gerechteren hin kann in ständigen Spannungen den Weg zu wachsender Freiheit bahnen.

Ihr Versagen kann unausdenkbare Schrecklichkeiten bodenlosen Massendaseins ermöglichen. Jeder möchte, wenn er Geltung will, mit den Massen gehen. Mancher setzt voraus, daß die Massen irgendwohin drängen, und daß die Wahrheit sei, dies zu wissen und danach sich zu verhalten. Aber Menschenmassen als solche sind keine Person, sie wissen und wollen nichts, sind ohne Gehalt, ein Werkzeug für den, der ihren allgemein psychologischen Trieben und Leidenschaften schmeichelt. Menschenmassen können leicht die Besinnung verlieren, in den Rausch des bloßen Anderswerdens stürzen, dem Rattenfänger folgen, der sie in die Hölle führt. Es können sich die Zustände der Wechselwirkung von vernunftlosen Massen und dirigierenden Tyrannen entwickeln. Aber es ist auch möglich, daß in den Massen selber die vernünftig ringende Arbeit wirklichen Geistes sich entwickle, diese Arbeit, die in schrittweisen Veränderungen der Zustände sich vollzieht, die niemand im Ganzen übersieht, in denen aber soviel Vernunft herrscht, daß geordnetes Dasein, freie Arbeit und freies Schaffen unabsehbar möglich werden.

Die Welt würde auf einen Höhepunkt der Geschichte zugehen, wo in den Massen selber das wirklich würde, was früher auf Aristokratien beschränkt war: Erziehung, zuchtvolle Gestaltung des Lebens und Denkens des einzelnen Menschen, Fähigkeit zu lernen und Teil zu gewinnen am Geist, nachzudenken und abzuwägen und das Vernünftige geschichtlich in den stärksten Spannungen sich kritisch und zugleich solidarisch gegenüberstehender Menschen zu finden.

Heute aber ist dies die ungeheure Gefahr: Während alle frühere Geschichte mit ihren Ereignissen die Substanz des Menschseins wenig betraf, scheint jetzt diese Substanz selber in Fluß gekommen, in ihrem Kern bedroht. Die Unfestigkeit in allem stellt die Aufgabe, was der Mensch auf dem Grunde von Wissen und Technik jetzt aus dem Ursprung seines Wesens mit seinem Dasein macht. Die Situation erzwingt dabei den unumgänglichen Weg mit den Massen.

Auflösung der überlieferten Werfe

Früher waren die Religionen verbunden mit der Gesamtheit der sozialen Zustände. Von ihnen wurde die Religion getragen, und diese rechtfertigte sie wiederum ihrerseits. Die Lebensführung jedes Tages war eingebettet in die Religion. Diese war selbstverständlich allgegenwärtige Lebensluft. Heute ist die Religion eine Sache der Wahl. Sie wird festgehalten innerhalb einer Welt, die von ihr nicht mehr durchdrungen ist. Nicht nur daß die verschiedenen Religionen und Konfessionen nebeneinander stehen und durch diese bloße Tatsache sich in Frage stellen; vielmehr ist die Religion selber ein aus dem anderen ausgespartes besonderes Lebensgebiet geworden. Die überlieferten Religionen wurden für immer mehr Menschen unglaubwürdig: fast alle Dogmen und die Offenbarung in ihrem ausschließlichen Anspruch auf absolute Wahrheit. Das faktisch unchristliche Leben auch der meisten Christen ist ein unüberhörbarer Einwand.
Ein christliches Leben in seiner Sichtbarkeit und fraglosen Wahrheit ist heute in bezwingender Vorbildlichkeit vielleicht noch wirklich, aber nicht mehr für die Massen da. In allen Zeitaltern, in denen gedacht und geschrieben wurde, seit der Achsenzeit, gab es Zweifel. Jetzt aber ist die Auflösung nicht mehr Sache abseitiger Einzelner und kleiner Kreise. Sie ist zur Gärung in der Bevölkerung geworden. -. . . Die Bedingungen des technischen Zeitalters aber sind förderlich geworden für einen Ausbruch der nihilistischen Möglichkeiten in der zur Masse gewordenen Gesamtbevölkerung.  Das jederzeit Bereite wird dazu heute gefördert durch die geistige Bewegung als solche, durch die mißverstandene Wissenschaft, - durch das Mißverständnis seitens der Massen. Bacons  Wort hat sich als richtig erwiesen: halbes Wissen führt zum Unglauben, ganzes Wissen zum Glauben. Die wachsende Glaubenslosigkeit unseres Zeitalters brachte den Nihilismus. Nietzsche ist sein Prophet. Er hat ihn zuerst in seiner unheilvollen Größe gesehen, in allen seinen Erscheinungen   aufgedeckt, ihn selber als Opfer seiner Zeit durchlitten, ihn mit gewaltiger Anstrengung zu überwinden gesucht - vergeblich. Der Nihilismus, früher in zerstreuten Ansätzen ohnmächtig,             wird eine herrschende Denkungsart. Es scheint heute möglich, daß die gesamte Überlieferung seit der Achsenzeit verloren geht, daß die Geschichte von Homer bis Goethe in Vergessenheit gerät.

Das mutet an wie die Drohung des Untergangs des Menschseins, jedenfalls ist unabsehbar und unvorstellbar, was unter solchen Bedingungen aus dem Menschen wird. Heute geht der Zauber eines Philosophierens durch die Welt, das im Nihilismus die Wahrheit findet, zu einem wunderlich heroischen Dasein aufruft ohne Trost und ohne Hoffnung, in Bejahung aller Härte und Erbarmungslosigkeit, in einem. vermeintlich rein diesseitigen Humanismus. Das ist ein Epigonentum Nietzsches ohne dessen hinreißende Spannung im Überwindungswillen.

Aber die Grundhaltung des Nihilismus hält der Mensch nicht aus. In der Lage der allgemeinen Glaubenslosigkeit verfällt der Mensch vielmehr einem blinden Glauben. Solcher Glaube ist gewaltsamer Ersatz, ist brüchig und wird plötzlich wieder preisgegeben; er kann die wunderlichsten Inhalte ergreifen.; er kann gleichsam ein leerer Glaube der bloßen Bewegung sein. Er deutet sich etwa als Sicheinsfühlen mit der Natur, mit der Weltgeschichte. Er fixiert sich in Heilsprogrammen. Er verschließt sich in pseudowissenschaftlichen Totalanschauungen, im Marxismus, in der Psychoanalyse, in der Rassentheorie. . . .


Erst heute gibt es die reale Einheit der Menschheit, die darin liegt, daß nirgends etwas Wesentliches geschehen kann, das nicht alle angeht. In dieser Lage ist die technische Umwälzung, durch Wissenschaft und Erfindungen der Europäer bewirkt, nur der materielle Grund und Anlaß der geistigen Katastrophe. Von dem Gelingen der begonnenen Umschmelzung aber wird, was 1918 de Groot nur von China sagte: nach ihr würde China kein China, die Chinesen keine Chinesen mehr sein, vielleicht für alle Menschen gelten. Auch Europa wird nicht mehr Europa, die Europäer werden nicht mehr Europäer sein in dem Sinne, wie sie sich zur Zeit de Groots fühlten. Aber es werden doch neue Chinesen, neue Europäer da sein, deren Bild wir noch nicht sehen können.

Aus solcher Erfahrung unserer geschichtlichen Situation als der Wende der Zeiten geht der Blick immer wieder zurück. Auf die Frage: gab es schon solche radikale Verwandlungen? war unsere Antwort: wir wissen nicht von den Ereignissen des prometheischen Zeitalters, als der Mensch seine Welt erst erwarb durch Werkzeuge, Feuer, Sprache. Aber innerhalb der Geschichte ist die größte Wende jene Achsenzeit, von der die Rede war. Wenn wir jetzt in eine neue radikale Verwandlung des Menschseins eingetreten sind, so ist diese nicht eine Wiederholung der Achsenzeit, sondern ein in der Wurzel anderes Geschehen.

Zunächst äußerlich: Unser technisches Zeitalter ist nicht bloß relativ universal, wie das Geschehen in jenen drei voneinander unabhängigen Welten der Achsenzeit, sondern absolut universal, weil planetarisch. Es ist ein nicht nur dem Sinne nach zueinander gehöriges, aber faktisch getrenntes Geschehen, sondern es ist in ständigem gegenseitigen Verkehr ein Ganzes. Es geschieht heute mit dem Bewußtsein der Universalität. Sie muß eine andere Entscheidung über das Menschsein bringen, als jemals erfolgt ist. Denn während alle früheren Wendezeiten lokal waren, der Ergänzung durch anderes Geschehen, an anderen Orten, in anderen Welten fähig waren, bei ihrem Scheitern eine Rettung des Men schen durch die anderen Bewegungen* möglich ließen, ist jetzt, was geschieht, absolut entscheidend. Es gibt kein außerhalb mehr.

Innerlich aber handelt es sich um etwas offenbar ganz anderes als in der Achsenzeit. Damals die Fülle, heute die Leere. Werden wir uns der Wende bewußt, so wissen wir, daß wir nur in der Vorbereitung sind. Es ist jetzt noch das Zeitalter realer technischer und politischer Umgestaltung, nicht ein Zeitalter ewiger geistiger Schöpfungen. Wir können uns mit unseren großartigen wissenschaftlichen Entdeckungen und technischen Erfindungen eher der Zeit der Erfindung der Werkzeuge und Waffen, der ersten Benutzung der Haustiere und Pferde vergleichen, als der Zeit des Konfuzius, Laotse, Buddha und Sokrates. Daß wir aber auf jene hohe Aufgabe zugehen, das Menschsein selber wieder aus seinem Ursprung zu gestalten, daß wir die Schicksalsfrage spüren, wie wir glaubend zu eigentlichen Menschen werden können, das zeigt sich in der heute immer stärker werdenden Neigung, zu den Ursprüngen zurückzublicken. Der tiefe Grund, dem wir entstammen, das Eigentliche, das im Schleier von sekundären Bildungen, von Redewendungen, Konventionen und Institutionen verborgen war, soll wieder sprechend werden. Bei diesem Sich-verstehen aus dem, woher wir kommen, wird der Spiegel der großen Achsenzeit der Menschheit vielleicht noch einmal eine der wesentlichen Vergewisserungen sein."

 

Karl Jaspers - Vom Ursprung und Ziel der Geschichte - 1949