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WO WIR LEBEN ? WO WIR LEBEN WERDEN ?

 

 

HIOB 9


Er bewegt die Erde aus ihrem Ort, daß ihre Pfeiler zittern.

Er spricht zur Sonne, so geht sie nicht auf, und versiegelt die Sterne.

Er breitet den Himmel aus allein und geht auf den Wogen des Meeres.

Er macht den Wagen am Himmel und Orion und die Plejaden und die Sterne gegen Mittag.


Er tut große Dinge, die nicht zu erforschen sind, und Wunder, deren keine Zahl ist.

Siehe, er geht an mir vorüber, ehe ich's gewahr werde, und wandelt vorbei, ehe ich's merke.

Siehe, wenn er hinreißt, wer will ihm wehren? Wer will zu ihm sagen: Was machst du?


In spätestens fünf Milliarden Jahren wird die Sonne sich zu einem
roten Riesen mit höchster Leuchtkraft aufblähen, um dann zu
einem weißen Zwerg dichtester Materie zu schrumpfen. Das Ende
unserer Erde und unseres Sonnensystems ist sicherer als das Amen
in der Kirche.

Was wird aus allem was war? Was, aus all den Menschen mit ihren
Freuden und Leiden, den Worten und Tönen, den Werken und
Taten, aus all der Kreatur?

Wir schauen ins unfassbare All und fragen uns:
Sind wir allein, allein nur wir? "Kein Gott, kein Engel,
keine sonstige Kreatur oder Seele – nur Leere?
In welcher Wirklichkeit leben wir, wenn die physikalischen
Theorien immer spekulativer mit Realitäten rechnen,
die der unsrigen Realität entzogen sind?"

 

 

Blaise Pascal (1623 - 1662) hat die Einsamkeit des Menschen im physischen Universum der neuzeitlichen Kosmologie beschrieben:


„Verschlungen von der unendlichen Weite der Räume,
von denen ich nichts weiß und die von mir nichts wissen, erschaudere ich."

 

„Die von mir nichts wissen: mehr noch als die erdrückende Unendlichkeit der kosmischen Räume und Zeiten, mehr als die quantitative Disproportion, das Verschwindende des Menschen als einer Größe innerhalb solcher Dimensionen, ist es das „Schweigen", d. h. die Gleichgültigkeit des Universums gegenüber dem Menschen, das Nichtwissen um menschliche Dinge von seiten dessen, worin alle menschlichen Dinge sich abspielen müssen, was die Einsamkeit des Menschen in der Summe der Wirklichkeit begründet.

Als Teil dieser Summe, als ein Stück Natur, ist der Mensch nur ein Schilfrohr, das jeden Augenblick geknickt werden kann von den Kräften jenes immensen Alls, in dem schon die Existenz des Rohres nichts als ein besonderer, blinder Zufall ist - nicht weniger blind, als der Zufall seiner etwaigen Zermalmung. Als denkendes Rohr ist er aber gerade nicht Teil der Summe, gehört er nicht zu ihr, sondern ist radikal verschieden, inkommensurabel: denn das Ausgedehnte denkt nicht, so hatte Descartes gelehrt, und Natur ist nichts als ausgedehnte Substanz, res extensa, d. h. Körper, Materie, äußere Größe. Wenn die Natur das Rohr zermalmt, tut sie es gedankenlos, während das Rohr, der Mensch, noch im Zermalmtwerden denkend dessen gewahr ist, daß er zermalmt wird.

Er allein in der Welt denkt, nicht weil, sondern obwohl er ein Teil von ihr ist. Wie er nicht mehr teilhat an einem Sinn der Natur, sondern nur noch - durch seinen Leib - an ihrer mechanischen Bedingtheit, so nimmt die Natur nicht teil an seinen inneren Anliegen. Eben dasjenige also, wodurch der Mensch aller Natur überlegen ist, seine einzigartige Auszeichnung, der Geist, resultiert nicht mehr in einer höheren Einordnung seines Seins in die Totalität des Seins, sondern bezeichnet im Gegenteil die unüberbrückbare Kluft, die ihn vom Rest der Wirklichkeit scheidet. Entfremdet von der Gemeinschaft des Seins in einem Ganzen, macht gerade sein Bewußtsein ihn zum Fremden in der Welt und bezeugt in jedem Akt wahrer Reflexion eben diese Fremdheit.“


Aus: Hans Jonas – Gnosis, Existentialismus und Nihilismus